Alttestamentler Braulik: Biblische Gewaltschilderungen können Gewalt im gegenwärtigen Konflikt in Israel nicht rechtfertigen

Wien, 16. Jänner 2026 | Die politische Geschichte des Nahostkonflikts reicht Jahrzehnte zurück - zugleich wird bis heute immer wieder auf viel ältere religionsgeschichtliche Narrative zurückgegriffen, um politische Entscheidungen zu stützen oder ideologisch zu untermauern. Beidem - der realpolitischen Suche nach Friedensperspektiven im gegenwärtigen Konflikt und den theologischen bzw. biblischen Quellen bis heute wirkmächtiger wie konfliktträchtiger Narrative - gingen Vortragende am 14. Jänner in der AKADEMIE am DOM nach. Die beiden Vorträge von em. Prof. Georg Braulink und der Journalistin Petra Ramsauer führten zugleich die Veranstaltungsreihe Naher Osten fort, mit der im Jänner 2026 verschiedene Aspekte des Nahostkonflikts beleuchtet werden.
Einen bibeltheologischen Auftakt mit Brückenschlägen in die Gegenwart bot der emeritierte Wiener Alttestamentler, Prof. Georg Braulik. Die Rede von einem gewalttätigen Gott des Alten Testaments (im Gegensatz zu einem friedliebenden im Neuen Testament) und von einer Rechtfertigung gewaltvoller Landnahme und Wiedereroberung durch das Alte Testament gehört zu den ältesten und hartnäckigsten Narrativen im Blick auf eben jenes Alte Testament bzw. - genauer - die Tora und die Prophetenbücher. Dass dieses Narrativ einem genaueren Blick und exegetischen wie historiografischen Befund nicht standhält, zeigte Braulik auf eindrucksvolle Weise in seinem Vortrag "Israel, die Völker und das Verheißungsland: Eroberung und Heimkehr nach den biblischen Büchern Deuteronomium und Josua".
In seinem Vortrag zeichnete Braulik, der als Experte im Bereich der Bücher Deuteronomium und Psalmen gilt, nicht nur den historischen Kontext der Vorstellung einer exklusiven Landnahme unter Mose nach, die eine literarische Fiktion darstellt, sondern auch die realpolitische Einbettung des antiken Israel in Konflikte und Kriege, die durchaus Gewalt und auch die sogenannte "Vernichtungsweihe" kannte. Während diese "gewalttätige Ideologie" sich im frühen Israel noch findet, habe es sie historisch im Prozess der sogenannten Landnahme, die ein komplexes und langwieriges Geschehen darstellte, nicht gegeben: "Eine Landnahme, die von imperialistischem Terror und imperialistischer Vernichtungsstrategie geprägt war, hat es nicht gegeben", so Braulik.
Wichtig sei vor allem das Buch Josua - ein zentrales Geschichtsbuch des Tanach (hebräische Bibel), das aber nicht das Gewicht der konstitutiven Texte der Tora (Fünf Bücher Mose) hat –, in dem die Eroberung und Landnahme Kanaans geschildert wird in einer "umfangreichen Anfangssage". Die darin ausgedrückten Gewaltvorstellungen würden jedoch - liest man das Buch zusammen mit dem Buch Deuteronomium - umgedeutet: vom Vernichtungswillen Gottes konkreten feindlichen Völkern gegenüber hin zur Vernichtung des Bösen. Darin liege wohl "der bleibende Wahrheitskern der Vernichtungsweihe im Auftrag Gottes", so Braulik.
Nach dieser Weichenstellung gilt auch für die Erzählung von der Rückkehr aus dem Exil und die Heimkehr des Volkes "das Gebot von der Vernichtungsweihe (...) auf keinen Fall mehr". Braulik: "Kriege mag es zwar auch in der Zukunft noch geben, aber kein feindliches Volk darf jemals wieder ausgerottet werden. Jede typologische Anwendung der Völkervernichtungsanweisung (...) ist für die Heimkehr Israels aus dem Exil in sein Land somit deutlich ausgeschlossen".
Ein Problem stelle nun jedoch dar, dass diese exegetische Erkenntnis in einem Teil der Bevölkerung des heutigen Israel - "trotz aller Bibelkenntnis" - nicht mehr ungebrochen geteilt werde, schlug Braulik den Bogen in die Gegenwart. "Deshalb darf es nicht verwundern, wenn in der unvorstellbar gewalttätigen Situation der Gegenwart das Buch Josua anders gelesen wird, als es der alttestamentarischen und der ureigenen jüdischen Tradition entspricht".
Ramsauer: Lösungsperspektiven für den Nahen Osten
Aus journalistischer sowie politikwissenschaftlicher Sicht analysierte die Journalistin Petra Ramsauer die aktuelle Situation im Nahen Osten. Ihr Vortrag stand unter dem Titel "Frieden finden nach 100 Jahren Krieg: Lösungsperspektiven für den Nahen Osten".
Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, sondern weitaus länger schon zeigt sich der Nahe Osten als Dauer-Krisenherd: Ob jüdische oder arabische Israelis, christliche, jüdische oder muslimische Palästinenser, religiöse oder säkulare Juden, Christen oder Muslime, Frauen, Männer, Kinder oder Alte – fast alle teilen inzwischen die Erfahrung von Gewalt, Terror, Krieg und Vertreibung, Hass und Tod, führte Ramsauer aus. Vermeintliche Sicherheiten seien ebenso zerstört worden wie die Seelen der diesseits wie jenseits der Grenzen leidenden Bevölkerung. Die Traumata sitzen tief, Generationen scheinen ebenso "verloren" wie hoffnungsvolle Initiativen zur gegenseitigen Verständigung.
Doch Menschen brauchen konstruktive Gedanken und Visionen, sonst verzweifeln sie, führte Ramsauer aus. 2024 ist von ihr das Buch "Nahost verstehen: Wie eine Region die Welt in Atem hält" erschienen.
Neue Veranstaltungsreihe "Naher Osten"
Die Vorträge bildeten den zweiten Teil einer aktuellen Veranstaltungsreihe, mit der die AKADEMIE am DOM den kriegerischen Konflikt in Israel und dem Gazastreifen beleuchten und nach Zukunftsperspektiven und Chancen für einen dauerhaften Frieden fragen möchte. Der Veranstaltungsschwerpunkt "Naher Osten" versammelt namhafte Referentinnen und Referenten, die den Konflikt u.a. aus historischer, biblischer und politikwissenschaftlicher Perspektive beleuchten. Fortgesetzt wird die Reihe am 21. Jänner mit dem ORF-Nahost-Korrespondenten Karim El-Gawhary, der unter dem Titel "Wenn Hochspannung zum Alltag wird" einen Fokus auf die Folgen des Krieges für das Alltagsleben der Bevölkerung legen wird.
Ebenfalls am 21. Jänner referiert sodann im Anschluss (Beginn: 18 Uhr) der deutsche Islam- und Politikwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza unter dem Titel "Gott liebt, Menschen töten" über die verschiedenen Lösungsansätze im Nahost-Konflikt. "Ein Blick in die Zukunft der Region, die Frage nach einer möglichen Lösung und der Preis für den Frieden – das sind die brennenden Themen, die der Vortrag aus muslimischer Sicht aufgreift", heißt es in der Ankündigung.
Abgeschlossen wird die Veranstaltungsreihe schließlich mit einem Vortrag des deutschen Theologen Georg Röwekamp am Mittwoch, 28. Jänner (Beginn: 16 Uhr). Unter dem Titel "Christen in der Region Gaza" wird er die "vergessene Geschichte" der Christen erzählen und nach Zukunftshoffnungen für das Christentum in der Region fragen.
Weitere Infos: www.theologischekurse.at/schwerpunkt/naher-osten

