Zur Zukunft der Religion in Europa: "Endspurt" im Sommersemester der Wiener AKADEMIE am DOM

Foto: Pascal Bernardon auf Unsplash
Wien, 6. Mai 2026 | Mit zwei prominent besetzten Vorträgen zur gegenwärtigen Lage und möglichen Zukunft von Religion und Kirche in Europa geht die AKADEMIE am DOM in den "Endspurt" ihres Sommersemesters. Im Zentrum der beiden öffentlichen Vorträge stehen Analysen tiefgreifender Transformationsprozesse und die Frage, welche Konsequenzen sich daraus für kirchliche Praxis und theologische Reflexion ergeben.
Den Auftakt bildet am Dienstag, 20. Mai (16.00–17.30 Uhr), die Veranstaltung "...wenn Religion keine Rolle mehr spielt" mit dem an der Universität Tilburg lehrenden Pastoraltheologen Jan Loffeld, der als einer der profiliertesten Analytiker religiöser Indifferenz im europäischen Kontext gilt. Ausgangspunkt seines Vortrags ist die Beobachtung, dass Religion durch einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr primär abgelehnt wird, sondern sie schlicht als irrelevant wahrgenommen wird. Durch diese Form der "Indifferenz" verliere Religion ihre kulturelle Selbstverständlichkeit und werde zu einer Option unter vielen – oft ohne konkrete Relevanz für individuelle Lebensführung.
Für die Kirche bedeute dies, dass traditionelle pastoraltheologische Modelle, die von einem zumindest latenten religiösen Interesse ausgehen, zunehmend ins Leere laufen. Zugleich eröffnet die Diagnose der Indifferenz nach Loffeld neue Perspektiven: Sie zwinge dazu, kirchliche Präsenz neu zu denken – weniger als flächendeckende Versorgung, sondern stärker als punktuelle, dialogische und existenziell anschlussfähige Praxis.
Am selben Tag folgt von 18.00–19.30 Uhr der Vortrag "Kirche in Europa – Schlusslicht oder Zukunftslabor?" vom früheren Wiener Generalvikar, Obmann der "Pfarrer-Initiative" und Präsident der "Initiative Weltethos Österreich", Helmut Schüller. Im Mittelpunkt steht die verbreitete Wahrnehmung Europas als "Krisenregion" des Katholizismus – geprägt von sinkenden Mitgliederzahlen, Vertrauensverlust und strukturellen Umbrüchen. Schüller stellt diese Diagnose jedoch bewusst zur Diskussion und fragt, ob die europäischen Entwicklungen nicht auch als Vorwegnahme globaler Trends gelesen werden können.
Ausgehend von konkreten Erfahrungen kirchlicher Reformbewegungen wird Schüller die Spannung zwischen institutionellem Beharrungsvermögen und notwendiger Erneuerung beleuchten. Die gegenwärtige Situation könne dabei nicht nur als Niedergang, sondern auch als Lernfeld verstanden werden, in dem sich neue Formen von Kirche herausbilden. Dazu zählen etwa stärker partizipative Leitungsmodelle, neue Rollenverteilungen zwischen Klerus und Laien sowie eine intensivere Orientierung an den Lebensrealitäten der Menschen.
AKADEMIE am DOM-Sommersemester endet
Neben diesen beiden Veranstaltungen bietet die AKADEMIE am DOM am 13. Mai auch noch einen Vortrag zur unsicheren Zukunft ethnischer und religiöser Minderheiten im Nahen Osten. Die Nahostwissenschaftlerin der Universität Wien, Anna Hager, wird dazu ab 18 Uhr in den THEOLOGISCHEN KURSEN vor Ort (Stephansplatz 3, 1010 Wien) referieren und die Situation von Christen, Alawiten, Kurden, Drusen und Jesiden beleuchten, die in der Öffentlichkeit oft als stimmlose Minderheiten wahrgenommen werden: Wie sehen ihre historischen Wurzeln, ihr heutiger Alltag sowie ihre Zukunftsaussichten aus?
Den tatsächlichen Schlusspunkt des Sommersemesters in der AKADEMIE am DOM setzt dann der Wiener Sozialwissenschaftler Aaron Tauss. Er wird am 3. Juni (Beginn: 16 Uhr) angesichts der globalen Krisen, die aktuell die wirtschaftlichen wie politischen Grundfeste erschüttern, versuchen, "Wege aus dem imperialen Kapitalismus" aufzuzeigen.

