AKADEMIE am DOM setzt politisch-programmatische Akzente

Wien, 22. Oktober 2026 | Mit einem programmatisch profilierten Herbstschwerpunkt setzt die Wiener AKADEMIE am DOM politische, gesellschaftliche und kirchliche Akzente. Der Bogen spannt sich dabei von Veranstaltungen mit historischen Perspektiven auf Kirchenreformen und die Aufarbeitung des Holocaust bis hin zu aktuellen Debatten über Apokalypse, Technologieglauben und die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche im Krieg gegen die Ukraine.
Mit gleich zwei Veranstaltungen ist Anfang November etwa der renommierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster zu Gast. Am 4. November wirft er unter dem Titel "Es war halt (nicht) immer schon so!" einen kritischen Blick auf die Geschichte der katholischen Kirche und ihre Reformpotenziale. Wolf wird dabei daran erinnern, dass viele heute als unveränderlich geltende Strukturen historisch keineswegs selbstverständlich waren. So seien Päpste einst kontrolliert worden, Bischöfe gewählt und Frauen mit weitreichenderen kirchlichen Aufgaben betraut gewesen. Das Vergessene der Kirchengeschichte könne wichtige Impulse für gegenwärtige Reformdebatten liefern.
Außergewöhnliches historisches Projekt
Einen Tag später, am 5. November, steht die Erinnerung an die Shoah im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Wiener Schottengymnasiums präsentiert Wolf das Projekt "Asking the Pope for Help – Jüdische Bittbriefe an Pius XII.". Ausgangspunkt sind rund 10.000 Schreiben jüdischer Verfolgter an den Vatikan, in denen sie während der NS-Zeit um Hilfe und Unterstützung baten: unter ihnen Stefan Herz-Kestranek, dessen Sohn Miguel Herz-Kestranek an dieser Veranstaltung mitwirken wird. Außergewöhnlich macht den Abend außerdem ein eigens gestaltetes Theaterstück der Schülerinnen und Schüler über Stefan Herz-Kestranek sowie ein Film, der die Entstehungsgeschichte des Stücks erläutert. Im Anschluss wird es ein moderiertes Gespräch der Schülerinnen und Schüler mit Prof. Wolf geben.
Die Briefe eröffneten einen neuen Zugang zur Geschichte, weil sie die Perspektive der Verfolgten sichtbar machen. Gerade in einer Zeit, in der Zeitzeugengespräche zunehmend selten werden, gewinnt diese Form historischer Erinnerung besondere Bedeutung.
Peter Thiel und der Antichrist
Auf großes Interesse stößt die Veranstaltung "Die neue Aktualität von Apokalypse und Antichrist" am 6. November mit dem Innsbrucker Sozialethiker Wolfgang Palaver. Aufgrund der hohen Nachfrage sind die Plätze vor Ort bereits ausgebucht; eine Teilnahme ist nur noch per Videoübertragung bzw. online möglich. Palaver wird in seinem Vortrag die gegenwärtige Weltlage anhand der Denkansätze von Günther Anders, René Girard und dem US-Tech-Milliardär Peter Thiel analysieren.
Zur Vertiefung des Themas bieten die THEOLOGISCHEN KURSE am 6./7. November außerdem den Spezialkurs "Apokalypse und Antichrist: Peter Thiel - Joachim von Fiore - Neues Testament" an. In vier Einheiten referieren Andrea Riedl ("Apokalyptik und Antichrist in Spätantike und Mittelalter"), Johann Schelkshorn ("Geschichte als unendlicher Fortschritt oder Apokalypse?"), Stefan Gugerel ("Weltangst, Weltende und Antichrist in der Populärkultur") und Martin Stowasser ("Apokalyptik im Alten und Neuen Testament"). Eine Anmeldung ist auch online möglich.
Den Schlusspunkt des Schwerpunkts setzt am 25. November die Soziologin Kristina Stoeckl von der Libera Università Internazionale degli Studi Sociali (LUISS) in Rom. Unter dem Titel "Der Krieg hat alles verändert" analysiert sie die Entwicklung der russisch-orthodoxen Kirche seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Nach Stoeckls Einschätzung habe sich die Kirche zu einer tragenden Säule der russischen Staatsideologie entwickelt und ihre geistige Unabhängigkeit weitgehend eingebüßt. Die enge Verbindung zwischen Patriarchat und Kreml werfe grundlegende Fragen nach Demokratie- und Dialogfähigkeit der heutigen russischen Orthodoxie auf.

