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![Der Antichrist im christlichen Fundamentalismus / By Luca Signorelli - [1], Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10101786 Der Antichrist im christlichen Fundamentalismus](/img/32/fb/360b748ac869ec2a6200/Der_Antichrist_im_christlichen_Fundamentalismus-Signorelli-Antichrist_and_the_devil.jpg)
Zu Beginn des 20sten Jahrhunderts meinte Ernst Troeltsch im Blick auf die zeitgenössische Kirche und Theologie, dass das eschatologische Büro zumeist geschlossen sei.¹ Mit einer gewissen Gleichzeitigkeit zu ent-eschatologisierenden Tendenzen in Kirche und Theologie im 19. und 20. Jahrhundert kam es jedoch auch zu Gegenbewegungen. Es kam zu einem intensiven Naherwartungsglauben und neuen eschatologischen Aufbrüchen, in denen der apokalyptischen Bilderwelt der Bibel höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Weniger die Schilderung eines neuen Himmels und einer Erde stand dabei im Vordergrund, sondern der Untergang der bestehenden Welt in kosmischen Katastrophen. Die Figur des Antichristen gehört zu diesem Untergangsszenario. Der Antichrist repräsentiert das Böse und Verführerische. Die biblischen Aussagen, in denen das Wort Antichrist expressis verbis vorkommt, beschränken sich auf wenige Textstellen. Im christlichen Fundamentalismus erhält die Figur des Antichristen eine große Bedeutung. Als zentrale Quelle für sein Verständnis dienen vor allem Passagen aus der Offenbarung des Johannes. Eine besondere Rezeption erfährt „die ‚Antitrinität’ (vgl. Apk 16, 13; 20, 10), bestehend aus dem Drachen, dem Tier aus dem Meer und dem Tier vom Land, in Apk 12-13 u. ö., wo vor allem das erste Tier mit seiner Todeswunde, seiner Wiederbelebung …, seiner Inthronisation und seinen Lästernamen (als Pendant zu den Hoheitstiteln), in Grenzen auch das zweite Tier mit seinem Aussehen wie ein Lamm, durch verzerrte Imitation zu direkten Widersachern Christi werden.“² Hauptquelle für die Figur des Antichristen ist dessen Identifikation mit dem apokalyptischen Tier, das nach Apk 13 aus dem Meer steigt und die Welt verführt.
Fragt man danach, in welchen Gemeinschaftsbildungen eine überaus einseitige und zugleich intensive Rezeption apokalyptischer Texte der Bibel stattfand, so lautet die Antwort: einerseits in der Erweckungsfrömmigkeit des Protestantismus, aus der evangelikale, fundamentalistische und pentekostal-charismatische Frömmigkeitsformen erwuchsen, andererseits in zahlreichen christlichen Gemeinschaften, die sich in einem dezidierten Gegenüber zu den bestehenden christlichen Kirchen verstanden, wie der Adventbewegung, aus der die Siebenten-Tags-Adventisten hervorgingen, oder den Ernsten Bibelforschern, woraus sich die Organisation Jehovas Zeugen entwickelte. Insofern war und blieb das eschatologische Büro keineswegs überall und generell geschlossen. Im Gegenteil, in einzelnen christlichen Subkulturen machte es Überstunden. Besonderes Interesse fand dabei die „Deutung von Ereignissen im Blick auf das Weltende“,³ wozu das Auftreten des Antichristen, das Tausendjährige Friedensreich ebenso gehörten wie die Erwartung von „Untergang, Unheil und Grauen“.⁴ Erwartungen, die sich in die Zukunft richten, haben in Endzeitbewegungen Entsprechungen in bestimmten Annahmen zur Entstehung der Welt und des Menschen, in kreationistischen Ideen also, die von vorneuzeitlichen Sichtweisen einer ca. 6000-jährigen Welt- und Menschheitsgeschichte ausgehen und eine spezifische Periodisierung der Menschheitsgeschichte vornehmen. Insofern sind spezifische Annahmen zur Entstehung von Welt und Mensch und vom Ende der Welt eng miteinander verknüpft. Dabei ist im kreationistischen Gedankengut der Widerspruch zur darwinschen Abstammungslehre zusammengefasst, in millennaristischen Perspektiven bzw. im Glauben an das Tausendjährige Reich (Chiliasmus) der Protest gegen den Fortschrittsglauben der Moderne. Auch hier zeigt sich: Fundamentalismus ist ein Antimodernismus, freilich ein moderner Antimodernismus, der sich alle medialen Errungenschaften zu eigen macht und ein globales Phänomen darstellt.
Geschichtlicher Rückblick vermag viele Beispiele dafür anzuführen, dass Übergangs- und Krisenzeiten durch hochgespannte euphorische oder düstere Zukunftserwartungen bestimmt waren. In bestimmten religiös-weltanschaulichen Milieus leben endzeitliche Zukunftsbilder wieder auf. Apokalyptische Weltangst findet gleichermaßen in säkularen und religiösen Unheilspropheten ihre Sprecher. Sie hat es leicht sich auszubreiten, weil sie Nahrung empfängt von den inflationären Erfahrungen des Bösen. Sie kann an Stimmungslagen und Zeitströmungen anknüpfen. Das allgemeine Krisenbewusstsein der westlichen Welt, die grundlegenden Veränderungen der politischen Landschaft mit dem Einschnittsdatum 1989, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, die Terrorangriffe vom 11. September 2001, die Kriege in Afghanistan und im Irak, haben die Abgründe geschichtlicher Entwicklungen aufgezeigt. Die Erfahrung des Bedrohtseins allen Lebens ist durch den Klimawandel neu ins Bewusstsein gelangt. Die Bilderwelt der Apokalyptik ist durch reale Entwicklungen gleichsam eingeholt worden. Destruktive Potentiale begleiten die menschliche Geschichte seit ihren Anfängen, erst heute gibt es allerdings Fernsehkameras und mediale Netzwerke, die für universale Gleichzeitigkeit sorgen und die Bilder von Krieg, Zerstörung, Gewalt und Tod in jedes Wohnzimmer gelangen lassen. Im Folgenden wird die Thematik nicht am Beispiel religiöser Sondergemeinschaften gezeigt, sondern anhand verschiedener Strömungen im Kontext evangelikaler, pentekostaler und christlich-fundamentalistischer Laienfrömmigkeit.
In historischer Perspektive entstammen fundamentalistische Bewegungen dem Erweckungschristentum. Für alle Ausdrucksformen des Erweckungschristentums aber gilt, dass Endzeiterwartungen ein charakteristisches Merkmal darstellen. In biblizistischer Ausrichtung werden die prophetischen und apokalyptischen Sprach- und Vorstellungswelten der alt- und neutestamentlichen Texte reaktualisiert: Wehen der Endzeit, Trübsal, Entrückung, Auftreten des Antichristen, Schlacht von Harmagedon, Gericht, Wiederkunft Jesu, tausendjähriges Friedensreich (Millennium), neuer Himmel und neue Erde. Sie werden in allernächster Nähe erwartet und häufig in eine konkrete Ereignisfolge gebracht. Mit der wirkungsvollen und weltweiten Ausbreitung erwecklicher Frömmigkeitsformen, vor allem in ihrer pentekostal-charismatischen Gestalt, wurden auch ihre endzeitlichen Konzeptionen bekannt gemacht. Es wäre einseitig, generalisierend und falsch, in Pfingstlern, Charismatikern, Evangelikalen und Bibelfundamentalisten weltflüchtige oder hyperaktive Endzeitspezialisten zu sehen. Spekulatives Endzeitdenken wird in Kreisen erwecklicher Frömmigkeit auch in seiner Problematik wahrgenommen.
Vorherrschend wird ein gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein allerdings durchweg da, wo fundamentalistische Motive wirksam werden (elitäre Abgrenzung gegenüber anderen Christen, Unmittelbarkeitspathos, beanspruchtes Wissen über die Zukunft, dualistisches Weltbild). Je mehr sich das apokalyptische Bewusstsein fundamentalistisch verfestigt und zu einem isolierten Merkmal der Frömmigkeit wird, desto deutlicher wird die Absonderung gegenüber der Welt bzw. die Trennung gegenüber anderen christlichen Konfessionen betont, oder auch die Suche nach Weltbeherrschung. Von daher ist zu verstehen, dass ein gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein ein wichtiger Ausgangspunkt für die Entstehung zahlreicher christlicher Sondergruppen werden konnte.
Nicht nur für fundamentalistische Kreise im engeren Sinn, sondern auch für evangelikale und pfingstlich-charismatische Laienfrömmigkeit haben Endzeitthemen schon immer ein großes Interesse hervorgerufen. Die kaum zu überblickende Anzahl von Buchtiteln und ihre Auflagenhöhe, wie auch verbreitete CDs, Kassetten, Filme, Videos und Homepages im Internet zeigen, dass Endzeitthemen von dauerhafter Aktualität sind. Nicht wenige Veröffentlichungen in deutschen und Schweizer Verlagen sind Übersetzungen von Büchern, die dem angloamerikanischen Kontext entstammen. Sie konkretisieren die internationale Ausrichtung und Außenbestimmtheit transkonfessioneller Bewegungen. Für manche Verlage und Einzelgruppen steht die Beschäftigung mit diesem Thema im Mittelpunkt ihres Interesses. Gegenüber klassischen Sondergemeinschaften, wie etwa den Zeugen Jehovas und der Neuapostolischen Kirche, gibt es hier ein ausgeprägtes Differenzbewusstsein, obgleich man sich mit Themen und Meinungen auf gleichem Terrain bewegt. Das fraglos bekannteste und überaus erfolgreiche Beispiel eines evangelikalen Endzeitautors ist Hal Lindsey. Durch ihn entstand ein ganzer Industriezweig von Endzeitmedien. Auch wenn seine Schriften in ihren zeitgeschichtlichen Anspielungen durch den Lauf der Geschichte überholt sind, konnten sie sich über Jahrzehnte als marktbeherrschend behaupten. Ohne Übertreibung kann gesagt werden: Wer Lindsey kennt und gelesen hat, kennt fast alle anderen Endzeitautoren auch. Wer Lindseys Ausführungen zum Antichristen gelesen hat, kennt das Profil dieser Figur im Kontext des christlichen Fundamentalismus. Bekannt geworden ist er vor allem durch seinen Millionenbestseller „Alter Planet Erde wohin?“, der 1971 in deutscher Sprache erschien und zahlreiche Auflagen erzielte.⁵ Lindseys Buch gab es nicht nur in evangelikalen Buchhandlungen zu kaufen, sondern auch auf Flugplätzen und in Großkaufhäusern. In Nordamerika lag der Sachbuchbestseller in Supermärkten neben Wildwestromanen und Science-Fiction-Literatur aus. Lindsey schreibt in einem eingängigen und kompetent wirkenden Stil. Auf amerikanisches Denken hat er bis in hohe Regierungskreise hinein großen Einfluss ausgeübt. Und auch im deutschsprachigen Raum dürfte es kaum einen Endzeitautor geben, der von ihm nicht mitbeeinflusst wäre. Lindsey gelang es, das Interesse an biblischer Prophetie und Apokalyptik überhaupt anzuregen. Bei ihm finden sich die Muster gesteigerten Endzeitdenkens, denen zahlreiche Endzeitautoren in den Grundaussagen folgen und die die Aussagen zum Verständnis des Antichristen bestimmen:
Lindsey behauptet nicht, das Datum des Jüngsten Tages zu kennen. Auch räumt er gleich am Anfang seines Buches ein, dass er nicht zu denen gehöre, „die von Zeit zu Zeit mit Frau und Kind in die Berge flüchten, um dort der schrecklichen Dinge zu harren, die kommen sollen“.⁷
Ausdrücklich ermahnt er den Leser am Ende seines Buches, Schule oder Arbeit nicht zu vernachlässigen und meint, dass wir „unser Leben so planen sollen, als hätten wir ein langes Leben hier auf Erden vor uns“.⁸ Gleichwohl vermittelt er ein klares Bild des Ablaufs der Endereignisse und stellt unsere Gegenwart unter das Vorzeichen antichristlicher Wirksamkeit.⁹
Was Lindsey paradigmatisch als Endzeitszenario darstellt und mit großer Gewissheit vorträgt, findet sich in Aussage und Struktur bei zahlreichen anderen Autoren ähnlich, in den Konkretionen freilich mit anderen Akzenten versehen. Endzeitautoren veranschaulichen nicht selten ihre eschatologischen Erwartungshaltungen auf Schaubildern, die die großen Kriegsmächte vor dem Endkampf zeigen, oder auf Tabellen, die die Endereignisse in ihrer Reihenfolge mit dem Hinweis auf entsprechende biblische Texte dokumentieren.¹⁰
Seit Mitte der 90er Jahre sind es vor allem Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, die das gesteigerte Endzeitdenken in zahlreichen Romanen popularisiert und dabei Lindsay noch übertroffen haben. In der 1995 gestarteten Serie über das Ende der Welt (Left Behind) aus „biblischer“ Sicht erschienen inzwischen alle zwölf Bände, die beiden letzten unter den Titeln „Armageddon“ (Band 11) und „Glorious Appearence“ (Band 12). Bereits die ersten zehn Bände erreichten eine Gesamtauflage von über 50 Millionen Exemplaren. Die Rezeption der Bücher ist länderübergreifend. Auch deutschsprachig liegen sie vor. Bereits 2002 waren 170 000 Exemplare verkauft worden. Im deutschsprachigen Kontext bleibt die Resonanz jedoch begrenzt. Die meisten Europäer interessieren sich nicht für in Romangeschichten verkleidete Endzeitspekulationen. Im nordamerikanischen Kontext ist das Interesse an durch weltanschaulichen Dualismus geprägten Endzeitszenarien ein Massenphänomen. Nur etwa die Hälfte der Leserinnen und Leser der Romanserie zählt sich zu den Evangelikalen. Vor allem seit den terroristischen Angriffen vom 11. September beschäftigen sich zahlreiche US-Bürger mit Endzeitfragen. LaHaye gehört inzwischen zu den bestbezahlten Autoren in den USA. Er möchte, wie Jenkins auch, seine Romanserie keineswegs als Science-Fiction-Literatur verstehen, sondern sieht in ihr die bildhafte Verdeutlichung der zentralen Endzeitaussagen der Bibel.
In gesteigerten Formen des apokalyptischen Bewusstseins wird nicht nur die für apokalyptische Erwartungen kennzeichnende Struktur einer vorübergehenden Distanzierung Gottes von der Geschichte und der damit zugelassenen Entfaltung des Bösen und seiner unterschiedlichen Ausdrucksformen ausgesprochen. Das Böse und Antichristliche wird spekulativ identifiziert. Die apokalyptische Bildersprache der Bibel wird ins Ultrakonkrete gezogen und ihres Geheimnisses entkleidet. Für Lindsey zeigt sich das Antichristliche im Zehn-Staaten-Bund, der die Grundlage der Europäischen Gemeinschaft bildet. Auch für LaHaye und Jenkins kommt der Antichrist aus Europa. Für andere ist der Islam das große antichristliche System. Nicht wenige Endzeitautoren erblicken den Antichristen im Papsttum der römisch-katholischen Kirche oder in der New-Age-Philosophie. Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems hat diejenigen in eine schwierige Lage gebracht, für die feststand, dass Russland bzw. die Sowjetunion die zentrale antichristliche Macht sei. Als 1991 der Irak Raketen auf Israel abgefeuerte, breitete sich Angst und Endzeithysterie aus. Viele glaubten in Saddam Hussein den Antichristen erkennen zu können.
Auch in den Sprachformen konservativer amerikanischer Politiker ging und geht es um die Bekämpfung des Reiches des Bösen, um die Lokalisierung des Bösen in bestimmten politischen und religiösen Machtsystemen, die zu einer Verschmelzung zwischen apokalyptischen Erwartungen und politischen Verschwörungstheorien führen. Feindbilder und Feindschaft werden damit festgeschrieben. Mit antichristlichen Systemen kann man keine Verhandlungen führen und keine Verständigung gesucht werden. Wer nicht Frieden, sondern Krieg und Chaos im Nahen Osten erwartet, kann eine Politik, die um Interessenausgleich und Frieden bemüht ist, nur als Störfaktor betrachten. Die Pro-Israel-Aktivitäten christlicher Fundamentalisten und ihr Engagement für ein Groß-Israel-Konzept sind ein eindrucksvolles Beispiel für Wechselwirkungen zwischen religiösen und politischen Einstellungen.
Die Zeitansage, die aus der Perspektive eines gesteigerten apokalyptischen Bewusstseins zu machen ist, hat Folgen für die Wahrnehmung und Analyse der Gegenwart. Das Denken im Kontext dieses Geschichtsverständnisses ist vor allem auf das Negative fixiert, auf Verfall und Überwältigtwerden durch die Mächte des Bösen. Für diese Sichtweise sieht man sich bestätigt durch tägliche Nachrichten von Naturkatastrophen, zunehmende Gewaltbereitschaft, hohe Scheidungsraten etc. Unsere Zeit wird als eine zunehmend vom Antichristen Bestimmte gedeutet. In der Gegenwartskunst, der Gegenwartsmusik, der theologischen Wissenschaft, der Liberalisierung der Kirchen sieht man antichristliche Kräfte am Werk. Gesteigertes apokalyptisches Bewusstsein verbindet die Endzeiterwartung mit einer umfassenden Dämonisierung von Mensch und Welt. Fundamentalistischer Dualismus muss die Welt verneinen und alles auf die apokalyptische Endschlacht Harmagedon zulaufen lassen. Während die geschöpfliche Welt immer kleiner wird, erscheinen Politik, Wirtschaft, Religion immer mehr im Licht widergöttlicher Machtergreifung. Weltvernichtung einerseits und Errettung der kleinen Schar der wahrhaft Glaubenden andererseits sind die zentralen Themen, auf die sich die Frömmigkeit konzentriert. Die Welt scheint nur noch dazu da zu sein, dass diabolische Mächte sich in ihr austoben. Der in der Gottebenbildlichkeit des Menschen begründete Auftrag, gestaltend in ihr mitzuwirken, findet keine Berücksichtigung mehr.
Die diesem Endzeitszenario zugrunde liegende Auslegung biblischer Texte folgt einem fundamentalistischen Ansatz und knüpft an das geschichtstheologische Konzept des Dispensationalismus an. Ausgangspunkt ist die Annahme der Unfehlbarkeit der ganzen Heiligen Schrift auch in Einzel- und Randaussagen. Als wesentliches hermeneutisches Instrument gelten angenommene Zeitperioden (dispensations). Die meisten Endzeitautoren sind Dispensationalisten, genauer prämillennaristische Dispensationalisten. Sie gehen davon aus, dass die Wiederkunft Jesu sich vor dem Tausendjährigen Reich ereignet (Prämillennarismus). Angenommen werden meist sieben Zeitalter: 1. von Adam bis zur Vertreibung aus dem Garten Eden (innocence), 2. von der Vertreibung bis zur Sintflut (conscience), 3. von Noah bis zum Turmbau von Babel (human goverment), 4. von Abraham bis zur Versklavung in Ägypten (promise), 5. von Mose bis zum Heilswerk Gottes in Christus (law), 6. von der erlösenden Tat Christi bis zu seiner Wiederkehr (grace), 7. vom Tausendjährigen Reich bis zum Neuen Jerusalem (kingdom). Da die biblischen Texte nach ihrer Überzeugung jeweils zu bestimmten Heilsabschnitten von der Schöpfung bis zur Vollendung gehören, ist es Aufgabe des Auslegers herauszuarbeiten, welcher Text zu welcher Zeitperiode gehört. Erst dadurch wird der geheimnisvolle Einblick in den Ablauf des göttlichen Plans möglich, der den Weg vom Ende dieser Welt zur Aufrichtung eines neuen Himmels und einer neuen Erde offenlegt. Die apokalyptisch gestimmte Geschichtsschau gewinnt ihre Konkretion dann, wenn die biblischen Texte in ein bestimmtes Geschichtsbild eingeordnet und zu einem Puzzle zusammengefügt werden. Dabei werden Prophetie einerseits und Gegenwartsgeschichte andererseits so aufeinander bezogen, dass einzelne geschichtliche Vorgänge als unmittelbare Erfüllung prophetischer Verheißungen verstanden werden. Prophezeiungen der Bibel werden als Geschichte verstanden, gleichsam im Voraus geschrieben. Die Auslegung der Bibel wird dadurch zu einer sehr willkürlichen und spekulativen Angelegenheit. Denn welcher Text in welche Zeit gehört und auf welche vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse hinweist, das bestimmt der Ausleger, so dass ganz unterschiedliche endzeitliche Ereignisfolgen entstehen. Je mehr man bei einem Vergleich der konkreten Endzeitabläufe ins Detail geht, desto vielfältiger und widersprüchlicher wird das Feld. Im fundamentalistisch-buchstäblichen Schriftverständnis wird zwar behauptet, dass es in der Regel nur eine einzige Möglichkeit der Deutung gibt, faktisch bringt es jedoch sehr unterschiedliche Endzeitvorstellungen – auch im Blick auf den Antichristen – hervor.
Geschichtliche Vorläufer für die dispensationalistische Geschichtsschau liegen u. a. in den chiliastischen Strömungen des Mittelalters, im so genannten linken Flügel der Reformation, vor allem jedoch im Darbysmus. John Nelson Darby (1800-1882) war es, der ein streng fundamentalistisches Schriftverständnis, das von der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift in allen Aussagen ausgeht, mit entsprechenden Heilsabschnitten verband und so die endzeitlichen Glaubensaspekte mit höchster Autorität und geistlichem Anspruch vertreten konnte. Darbys dispensationalistisch ausgerichtete Hermeneutik ging ein in die Fußnoten der Scofield Bible (1909), die in fundamentalistischen Kreisen Standardbibel war, und wurde dadurch wirkungsvoll verbreitet. Überhaupt wird man sagen können, das der Dispensationalismus zu den einflussreichsten hermeneutischen Ansätzen der Gegenwart gehört. Er bildet eine wichtige Grundlage sowohl für das, was als „Fundamentalismus der Weltentsagung“ bezeichnet wurde, wie auch für das, was Fundamentalismus der Weltbeherrschung benannt wird. „Der ungeheure Erfolg des Neo-Dispensationalisten liegt vor allem daran, dass sie es verstanden haben, höchst geschickt mit Mitteln der popular culture umzugehen.“¹¹
ANMERKUNGEN
1 Ernst Troeltsch, Glaubenslehre. Nach Heidelberger Vorlesungen aus den Jahren 1911 und 1912. Mit einem Vorwort von Marta Troeltsch, München / Leipzig 1925,36.
2 Hans-Josef Klauck, Art. Antichrist, I. Neues Testament, in: RGG⁴ Bd.1, 531.
3 Vgl. Jürgen Ebach, Apokalypse und Apokalyptik, in: Heinrich Schmidinger, Zeichen der Zeit. Erkennen und Handeln, Innsbruck 1998, 214.
4 A.a.O., 214.
5 Hal Lindsey/Carole C. Carlson, Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkrieges, Wetzlar ⁵1972 (Der amerikanische Titel lautet: The Late Great Planet Earth, Grand Rapids 1970).
6 A.a.O., 133.
7 A.a.O., 7.
8 A.a.O., 223.
9 „Was heute in der Welt geschieht, ist Wegbereitung für das Auftreten des Antichristen.“ Ebd. 133.
10 Tim LaHaye / Thomas Ice, Countdown zum Finale der Welt. Ein Bildführer zum Verständnis biblischer Prophetie, Dillenburg 2003.
11 Victor und Victoria Trimondi, Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse, München 2006, 37.
12 James Barr, Fundamentalismus, München 1981, 77.
13 Klaus Berger, Wie kommt das Ende der Welt? Gütersloh 2002, 177.
14 A.a.O., 177.
15 A.a.O., 25.
16 A.a.O., 25.
17 Ebach 214.
18 Walter Sparn, Art. Antichrist, III. Dogmatisch, in: ⁴RGG Bd.1, 534-536, hier 536.
Quelle: gekürzte Version aus: Der Antichrist im christlichen Fundamentalismus, in: Mariano Delgado / Volker Leppin (Hg.), Der Antichrist. Historische und systematische Zugänge, Fribourg / Stuttgart 2011, S. 413-424.
Zur Person: Reinhard HEMPELMANN ist Evangelischer Theologe und Pfarrer. Er war seit 1992 zunächst Referent, später bis 2019 Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und ist seit 2003 Lehrbeauftragter im Institut für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.