"Wie viele sich zu Christus Bekennende würden einem Nächsten- und Feindesliebe predigenden Juden aus Galiläa tatsächlich ihr Haus öffnen?"
Erschienen in: theologie aktuell | Ausgabe 4 - Jahrgang 2025/26

Wie lange lehren Sie schon bei den Theologischen Kursen?
Seit 2018.
Welches Fach tragen Sie bei den Theologischen Kursen vor?
Kirchengeschichte
Was ist Ihnen im Theologischen Kurs in Ihrem Fach besonders wichtig?
Den Teilnehmenden einen Einblick in die Entwicklung der Jesusbewegung hin zu Christentum und institutionalisierter Kirche zu vermitteln. Darüber hinaus versuche ich, einen Blick, im besten Falle ein Verständnis dafür zu schaffen, wie viele Wendungen es in dieser zweitausendjährigen Entwicklung gab, welche Faktoren dazu beitrugen und wie sehr unsere Kultur – im Positiven wie im Negativen - von diesen geprägt wurde
Haben Sie selbst beim Lehren im Theologischen Kurs auch neue Einsichten gewonnen?
Welche Bandbreite die Zugänge der einzelnen Teilnehmer*innen zu Wesen und Geschichte „ihrer“ Kirche aufweisen. Die dabei erfahrbare Vielfältigkeit des individuellen Erlebens und Verständnises von Glaube, Spiritualität, Lehre und Institution fasziniert jedes Mal aufs Neue und erweitert meinen Blick.
Welche Erfahrung bei den Theologischen Kursen haben Sie in besonders guter Erinnerung?
Das oft geradezu brennende Interesse der Teilnehmer*innen mehr über das Werden des Christentums und der Kirche zu erfahren. Immer wieder bekomme ich von Absolvent*innen die Rückmeldung, dass sie das im Kurs Gehörte als Anstoß für weitere, eigenständige Auseinandersetzung mit diesen Themen genutzt haben oder zu nutzen gedenken. Gleichsam einen Stein anstoßen zu können, der von jeder/m der sich angesprochen Fühlenden durch individuelle Fragestellungen, Recherche und Lektüre in die unterschiedlichsten Richtungen gerollt werden kann, ist für mich als Lehrender jedes Mal wieder eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegende Erfahrung.
Welche theologische Frage beschäftigt Sie zurzeit am intensivsten?
Wie viele sich zu Christus Bekennende, Kleriker wie Laien, würden einem Nächsten- und Feindesliebe predigenden Juden aus Galiläa tatsächlich ihr Haus öffnen, wenn er an der Eingangstür um Einlass bittet – vielleicht keine theologische Frage im engen wissenschaftlichen, dogmatischen oder innerkirchlichen Diskurs, für mich allerdings gerade angesichts der weltpolitischen Disruptionen unserer Tage eine der Hauptfragen nach dem Umgang mit der Kernbotschaft des Jesus von Nazareth.
Von welcher/welchem Theologin/Theologen haben Sie am meisten gelernt?
Ich fürchte von Augustinus und seiner intellektuellen sowie rhetorischen Brillanz, die nicht nur den Grundstein für die wirkmächtige Theorie vom gerechten Krieg zu legen vermochte, sondern bis in unsere Tage Kriegstreibern ein Instrument in die Hände gibt, um Jesu Auftrag zur Friedens- und Feindesliebe in den Schatten zu stellen.
Ihre aufregendste Bibelstelle?
Das Hohelied, im Detail 5,9-16 und 7,2-10. Allen intellektuellen Mühen und Versuchen jüdischer und christlicher Theologen zum Trotz, diese Liebeslyrik allegorisch zu deuten, ist der Text für mich Zeugnis dafür, dass selbst die ihnen gemeinsame patriarchal-abrahamitische Weltdeutung nicht umhinkommt, dem ebenbürtigen Verlangen von Mann und Frau nach dem Du des/r Geliebten im Kanon den Platz des höchsten seiner Lieder – das Ásma Asmátōn der Septuaginta und das Canticum Canticorum der Vulgata – einzuräumen.
Welches Buch lesen Sie gerade?
Wolf Haas, Wackelkontakt
Welche Musik hören Sie gerne?
Antonio Vivaldi, Robbie Williams, Adele.
Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?
Gartenarbeit.
Wo fühlen Sie sich kirchlich zu Hause?
Ich bewundere jede/n, der/die sich in einer ausschließlich von Männern dominierten heiligen Herrschaft, um den Begriff Hierarchie beim Wort zu nehmen, zu Hause fühlen kann. Ich selbst zähle mich in diesem Sinne zu den Unbehausten.
Mit wem würden Sie gerne einmal einen ganzen Tag verbringen?
Kaiser Konstantin, Augustinus, Jeanne d‘Arc oder Tschinggis Khan.
Welches Ziel wollen Sie noch erreichen?
Möglichst viel vom Sein und Werden meiner 10 Monate alten Tochter Mathilda miterleben zu dürfen.
Herzlichen Dank für Ihre Antworten!
Zur Person: Ass.-Prof. Mag. Dr. Johannes GIESSAUF, MAS, geb. 1968, Studium der Geschichte und einer Fächerkombination (Alte Geschichte, Archäologie, Altorientalistik und Klassische Philologie) in Graz. Er ist Absolvent und Mitglied des "Instituts für Österreichische Geschichtsforschung" in Wien und Master of Advanced Studies. Derzeit ist er in Graz als Assistenzprofessor am Institut für Geschichte (Allgemeine Geschichte des Mittelalters) tätig und stellt in der dortigen Fußballmannschaft "Geschichte" den Kapitän. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Kulturbegegnungen zwischen Europa und Asien im Mittelalter, Geschichte des mongolischen Weltreichs, Kulturgeschichte, Geschichte des Christentums, steirische Geschichte, mittelalterliche Kampfkünste. Seit 2018 lehrt er bei den THEOLOGISCHEN KURSEN Kirchengeschichte.

