Mittwoch 12. Dezember 2018

Erkennen,

was dahinter steckt.

Bericht über den Dschihad-Vortrag von Jürgen Manemann

Leiter des Forschungsinstituts Philosophie in Hannover, Manemann, bei Vortrag in Wien: Religiös motivierter Terror "besonders todbringend, da er die Idee eines kosmischen Krieges in sich trägt" - Anfälligkeit westlicher junger Menschen "zeugt von echter psychischer und spiritueller Not"

 

Wien, 16.04.2015 (KAP) Der Terror, den die Milizen des "Islamischen Staates" (IS) in Syrien und im Irak verbreiten, ist eine radikale Anfrage auch an die europäischen Gesellschaften: Denn auch wenn der IS-Terror "jenseits aller Zivilisation" liegt, so erschüttere doch die Tatsache, dass so viele europäische junge Menschen in diesen Krieg ziehen. Das hat der Leiter des Forschungsinstituts Philosophie (fiph) in Hannover, der Theologe Jürgen Manemann, bei einem Vortrag am Mittwoch in Wien unterstrichen. Manemann, der sich intensiv u.a. mit Gewalt- und Faschismusforschung auseinandersetzt, referierte auf Einladung der Wiener Theologischen Kurse zum Thema "Faszination Dschihad?"

 

Unter den Erklärungsmustern, die gemeinhin auf das Phänomen dieses Terrors und seiner ungehemmten Gewaltexzesse angewendet werden, lassen sich laut Manemann vier Varianten unterscheiden: Eine "Diabolisierung", die in den Kämpfern das "personifizierte Böse" ausmache; eine "Religionisierung", die die Gewalt als Ausdruck eines gewalttätigen Islam oder gar des Monotheismus insgesamt deutet; eine "Soziologisierung", bei der die IS-Kämpfer als Verarmte, Schwache, Ungebildete dargestellt werden, und schließlich die Variante einer "Ethisierung", bei der den Tätern ein überlegtes, argumentiertes Handlungsprinzip attestiert wird.

 

All diese Erklärungsmuster seien laut Manemann nicht falsch, "jede ist jedoch für sich genommen nicht nur unzureichend, sondern irreführend". Tatsächlich ziele der dschihadistische Terror auf eine absolute, enthemmte Gewalt: "Er zielt auf Massenvernichtung - und diese scheint eine spezifische Dimension des religiösen Terrorismus zu sein", so Manemann. Religiös motivierter Terror, wie man ihn bei den IS-Kämpfern erlebe, sei "besonders todbringend", da er die "Idee eines kosmischen Krieges" in sich trage, "der keine Kompromisse kennt". Dieser Krieg ziele letztlich auf nichts als die Vernichtung des anderen - und er nimmt selbst den eigenen Tod in Kauf. Insofern könne man beim Dschihadismus von einem "aktiven Nihilismus" sprechen, der nicht einen "Kampf der Kulturen" forciere, sondern eine "Kultur des Kampfes".

 

"Aktiver Nihilismus" als Antwort auf Leere

 

Der Grund, weshalb u.a. gebildete junge Menschen aus zentraleuropäischen Gesellschaften sich den IS-Milizen anschließen, müsse daher in "nihilistischen Tendenzen" der europäischen Gesellschaften selbst gesucht werden, die ihren Ausdruck in Zynismus, Resignation und Ressentiment finden, so Manemann. Viele junge Menschen lebten in einer "erschreckenden Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lieblosigkeit", die in "absoluter, leerer und blinder Gewalt um ihrer selbst willen" enden kann: "Diese Gewaltformen sind Ausdruck von Sinnlosigkeit bzw. von pervertiertem Sinn. Dieser Sinn besteht aber nicht mehr im Ja zum Leben, sondern im Ja zum Nichts." In der Gewalt erlebe der Dschihadist somit "ein Selbstbewusstsein ohnegleichen" - darin liege letztlich auch die Faszination, die der Dschihadismus auf Jugendliche ausübe, so Manemann. Damit stelle sich der Dschihadismus als "Symptom der Krankheit heraus - nämlich des Nihilismus -, die er vorgibt zu heilen".

 

Es müsse daher auch gefragt werden, ob Religion als Deutungskategorie für diese Formen der Gewalt überhaupt noch trägt. Schließlich zeigten Untersuchungen aus Frankreich, dass 8 von 10 europäischen Dschihadisten gar aus dezidiert atheistischem Elternhaus kommen. Naheliegender sei es laut Manemann, den dschihadistischen Terror aufgrund seines strengen "Führerprinzips", seiner "Dauermobilisierung", der "Aggressionserlaubnis" und seinem "paranoiden, geschlossenen Weltbild" als ein "faschistisches Syndrom" zu begreifen. "Und Faschismusanfälligkeit wird verursacht durch echte psychische Not, durch spirituelle Krisen", so Manemann.

 

Neues Gleichgewicht herstellen

 

Um dieser Not und dem Dschihadismus gleichermaßen zu begegnen, brauche es daher eine neue Politik, die "den Zusammenhang zwischen dem psychologischen Gleichgewicht und dem politischen Gleichgewicht wahrnimmt". Es müssten "kulturelle Umwelten" sowie "religiöse Umwelten" neu in den Fokus genommen werden. "Um ein gutes Leben zu führen brauchen wir nicht nur Güter zum Überleben, sondern Grundfähigkeiten, um dieses gute Leben zu führen".

Sinn könne jedoch nicht einfach hergestellt werden, sondern er müsse in sinnstiftenden Erfahrungen vermittelt werden. "Emphatisch gesagt: Lebenssinn ist nicht etwas, das ein Einzelner allein findet. Sinn macht nur das, was auch für andere sinnvoll ist. Das heißt: Wenn ich Sinn erfahren möchte, muss ich am Leben anderer teilhaben, das Gemeinwohl im Auge haben". Konzepte, diese Erfahrungen zu fördern, gebe es bereits genug, so der Theologe - etwa in Form so genannter "Service learning"-Einheiten an Schulen und Universitäten, wo Schüler gezielt an Projekten zur Lösung von Fragen des Gemeinwohls arbeiten. (Kathpress)

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