Erkennen,

was dahinter steckt.

Reflexion des Glaubens – nicht auf einer rein emotionalen Ebene oder nur tagespolitischen Ebene Theologie treiben

 

Herr Prof. Weismayer kaum jemand kennt die THEOLOGISCHEN KURSE so lange, so gut wie Sie – aus mehreren Perspektiven: als Lehrender, Leitungsmitglied, Angehöriger des Kuratoriums. Gibt es dennoch etwas, das Ihnen spontan in den Kopf kommt, wenn Sie „THEOLOGISCHE KURSE“ hören?

 

Ja, wenn ich „THEOLOGISCHE KURSE“ höre, dann verbinde ich damit doch ein wesentliches Element meines Lebens und – so kann man sagen – auch meiner beruflichen Tätigkeit. Eine Kombination – sozusagen – zwischen meinem priesterlichen Dasein und meinem theologisch-akademischen Dasein. Ich habe so vieles selber auch gelernt und so viele positive Erfahrungen gemacht im Rahmen der THEOLOGISCHEN KURSE. Ich denke an die Wiener Theologischen Kurse, die ja Lehrveranstaltungen am Abend oder am Nachmittag beinhalten. Ich denke vor allem auch mit großer Freude an Fernkurs für theologische Bildung, wo man dann doch eine ganze Woche in einem Bildungshaus mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zusammen ist, wo sich auch menschliche Kontakte ergeben, man miteinander diskutiert, miteinander freizeitlich agiert und auch miteinander betet und feiert. THEOLOGISCHE KURSE sind also für mich, für mein Leben ein ganz wesentliches Element, das ich nicht missen möchte.

 

Im Zusammensein mit den Kursteilnehmenden, das vor allem im Fernkurs recht intensiv ist, erlebt man wohl einiges. Gibt es eine Anekdote, eine Geschichte, an die Sie sich gerne erinnern?

 

Anekdote fällt mir zumindest im Moment keine ein, weil es nämlich so viele Begegnungen gab. Man ist mit so vielen Leuten zusammen gekommen, und ich erinnere mich noch an die ersten zehn, fünfzehn Jahre, dass ich da öfters mit meinen Eltern im Sommer auf Urlaub war, in Osttirol, und fast jedes Mal (manchmal sogar mehrmals am Tag) hat mich jemand angesprochen: „Ich war bei Ihnen im Kurs“, oder „Ich habe bei Ihnen Prüfung gemacht“. Ich kann mich erinnern, wie mein Vater einmal gesagt hat: „Heute hast Du noch gar niemand getroffen, der Dich kennt!“ Das ist ganz interessant gewesen, und es waren eigentlich immer positive Erinnerungen und positive Konnotationen bei diesen Begegnungen.

 

Aus der Gründungssituation der Kurse heraus ist klar, dass die Sprachfähigkeit der Laien das erklärte Bildungsziel gewesen ist. Warum soll auch heute die Bildung für Laien ganz oben auf der Tagesordnung stehen?

 

Wenn ich noch einmal kurz an die Entstehungssituation denke, also an den Wiener Kurs 1940, Anfang der Nazi-Zeit, in einer Situation, wo die Kirche keine Aktivitäten nach außen durchführen konnte. Die Wirksamkeit nach außen war nicht möglich, aber es ist das ein Teil einer Wirksamkeit nach innen und in die Tiefe gewesen. Man will den Glauben reflektieren, hier nachholen, was vorher nicht gegangen ist oder nur im Äußeren verblieben ist. Und 1950 der Fernkurs, durch den diese Erfahrung aus dem Wiener Bereich in die anderen Diözesen übertragen und auch dort fruchtbar werden konnte. Im Grunde genommen sind wir heute in einer ähnlichen, nicht gleichen Situation: auch hier die Notwendigkeit, dass wir zum Wesentlichen gehen. Wenn ich jetzt an die Wiener Situation denke: ich freue mich, wenn hier theologische Anliegen und Tagungen und Vorträge und Angebote für eine größere Öffentlichkeit geschehen, dann ist das von den THEOLOGISCHEN KURSEN und eigentlich von sonst niemand. Wo es um theologischen Tiefgang geht, wo man prominente Leute herholt und zu aktuellen Themen fragt und sprechen lässt, da leisten die THEOLOGISCHEN KURSE wirklich eine großartige Arbeit, die mich immer wieder neu erfreut, wenn ich die Programme lese. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe, die die THEOLOGISCHEN KURSE auch heute haben.

 

Wenn wir denken, dass der Unterricht in Glaubensfragen, der auch Aufgabe des Religionsunterrichtes ist, oft zu sehr an der Oberfläche bleibt (ohne jetzt den Religionsunterricht negativ bewerten zu wollen); aber der erwachsene oder heranwachsende Mensch hat doch das Bedürfnis nachzufragen, auch von seiner eigenen Lebenserfahrung her an die Erfahrung des Glaubens andere Fragen zu stellen … Insofern ist es von entscheidender Bedeutung, dass hier ein Angebot gemacht wird. Vor allem, wenn man denkt, dass es auch darum geht, dass viele Christen ja auch aktiv sein sollen im pastoralen Bereich, im pfarrlichen, im diözesanen und im überdiözesanen Bereich – da geht es also auch darum, dass sie wirklich gut informiert sind, ihren Glauben auch reflektiert haben und auch Rede und Antwort stehen können.

 

Anlass unseres Gesprächs ist ein Jubiläum, das 75. Jahr des Wiener Kurses und das 65. Jahr des Institutes theologischer Fernkurs. Haben Sie einen Geburtstagswunsch für uns?

 

Ich wünsche mir, dass die Grundintention bleibt und vertieft wird, dass es um Reflexion des Glaubens geht und nicht auf einer rein emotionalen Ebene, einer nur tagespolitischen Ebene Theologie betrieben wird. Das wünsche ich mir: dass es weiter geht, mit der gleichen Intensität wie wir das bisher gemacht haben. Aber zugleich auch, dass immer eine Offenheit und Hörbereitschaft da ist für die Fragen, die aktuell sind. Fragen, die aus dem gesellschaftlichen Diskurs, aus der Weltlage sich neu stellen – auch an den Glauben. Beides: ein wirklich konstantes Bemühen um eine Reflexion des Glaubens und offene Ohren und offene Augen für das, was an Fragen da ist; und dass das aus der Perspektive des Glaubens und der Offenbarung beantwortet wird.

 

Es werden neue Fragestellungen kommen, inhaltliche Akzente zu profilieren sein, auch neue Zielgruppen anzusprechen sein. An wen sollen sich die THEOLOGISCHEN KURSE vorrangig oder anders als bisher wenden?

 

Im Grunde genommen ist die Zielgruppe inhaltlich sehr differenziert. Es gab immer Bemühungen, jüngere Leute anzusprechen, um die Fragen der Heranwachsenden; auf der anderen Seite Fragen der älteren oder alten Menschen. Da gibt es natürlich auch jeweils andere Perspektiven und man hat immer wieder spezielle Angebote und spezielle Lehrveranstaltungen oder Seminare versucht. Aber auch da muss man, glaube ich, offen bleiben im Hören und im Erspüren der Bedürfnisse. In dem Sinn dürfen sich die THEOLOGISCHEN KURSE nicht mit einem Einheitsmenü begnügen, sondern müssen die Menüpalette etwas erweitern, diversifizieren, also noch besser orientiert und zielgerichteter verwirklichen.

 

Das ist wohl auch Ihr Zukunftsauftrag an die THEOLOGISCHEN KURSE?

 

Das kann man sagen, ja.

 

Dann danke ich Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.

 

Bitte.

 

em. Univ.-Prof. Dr. Josef WEISMAYER, lehrte 1966 – 2012 Dogmatik und Theologie der Spiritualität, 1982 – 2008 Leitungsmitglied

THEOLOGISCHE KURSE

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